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Neue Regeln zur Bewertung von Arztpraxen

Nach nunmehr 22 Jahren haben Bundesärztekammer und die kassenärztliche Bundesvereinigung die bei der Bewertung von Arztpraxen verbreitete Ärztekammermethode überarbeitet und neue „Hinweise zur Bewertung von Arztpraxen“ veröffentlicht (siehe Deutsches Ärzteblatt Heft 51-52/2008).

Das grundsätzliche Vorgehen bei der Bewertung einer Arztpraxis hat sich dabei nicht verändert. Nach wie vor wird empfohlen, den Wert der einzelnen Arztpraxis aus einer Kombination von Substanzwert (= materieller Wert) und ideellen Wert (= immateriellen Wert oder Goodwill) zu ermitteln. Für die Ermittlung des Substanzwerts wird weitgehend an der bisherigen Vorgehensweise festgehalten.

Neu ist dagegen die Ermittlung des ideellen Werts. Während die Bundesärztekammer 1987 empfohlen hatte, den Goodwill aus den Umsätzen der letzten Jahre abzuleiten, stellt sie in Ihrer neuen Stellungnahme auf den übertragbaren Gewinn einer Praxis ab. Dieser wird nach Abzug eines kalkulatorischen Arztgehalts mit einem sogenannten Prognosemultiplikator multipliziert. Der Prognosemultiplikator ergibt sich aus der Anzahl der Jahre, in denen von einer Patientenbindung durch den abgebenden Arzt ausgegangen werden kann. Er beträgt nach Empfehlung der Ärztekammer für Einzelpraxen 2 Jahre.

Die Beschreibung der Methode ist in erster Linie auf Einzelpraxen ausgerichtet. Sie ist aber auch für Berufsausübungsgemeinschaften anwendbar. Dabei ändern sich dann das Arztgehalt, das mit der Anzahl der tätigen Ärzte zu mulitplizieren ist, sowie der Prognosemultiplikator, der bei mehreren Gesellschaftern mit 2,5 Jahren zum Ansatz kommen soll.

Der Gesamtwert der Praxis setzt sich danach - wie bisher auch - summarisch aus dem Substanzwert und dem ideellen Wert der Praxis zusammen. Ein Zu- oder Abschlag von bis zu 20 Prozent des ideellen Werts wird für individuelle Besonderheiten der jeweiligen Praxis zugelassen (z.B. für Lage, Praxisleistungsspektrum, Zusatzverträge etc.). Zusammenfassend führt die neue Berechnungsmethode dazu, daß durch die gweinnorientierte Berechnung gerade bei ertragsstarken Praxen sich künftig höhere ideelle Werte ergeben werden.

Dabei ist es grundsätzlich zu begrüßen, daß der ideelle Wert einer Arztpraxis nun nicht mehr umsatzbasiert, sondern nach einer ertragsorientierten Berechnungsmethode ermittelt wird, was im übrigen von Rechtsprechung und Beratungspraxis seit Jahren gefordert wird. Kritisch bleibt jedoch anzumerken, daß mit dem Ansatz von Vergangenheitswerten für die Berechnung des übertragbaren Gewinns und mit dem Ansatz von Pauschalen für Arztgehalt und Prognosezeitraum den heutigen Bewertungsanforderungen in der Praxis nicht ausreichend Rechnung getragen werden kann. Gerade in Zeiten, in denen die Zukunft vieler Praxen ungewiss ist, kann der ideelle Gewinn nicht allein aus den vergangenen Jahren abgeleitet werden. Zudem ist der Vorschlag der Ärztekammer, kalkulatorisch den Arbeitseinsatz des Arztes mit pauschal 76.000 Euro Jahresgehalt abzugelten, bei je nach Ort und Facharztgruppe geltenden realen jährlichen Werten zwischen 50 T€ und 150 T€ an der Wirklichkeit vorbei gedacht.

Mit den neuen Hinweisen ist der Bundesärztkammer somit sicherlich nicht der große Wurf gelungen. Nach wie vor werden betriebswirtschaftlich orientierte Bewerter die modifizierte Ertragswertmethode vorziehen, da sie zukunftsorientiert ist und die individuellen Praxisgegebenheiten besser berücksichtigt.

Dennoch dürften künftig regelmäßig Ärztekammern, kassenärztlichen Vereinigungen und Zulassungsgremien die Hinweise zur Feststellung des Verkehrswertes einer Arztpraxis heranziehen.

Auch in zahlreichen Gesellschaftsverträgen von Berufsausübungsgemeinschaften wird in den Auseinandersetzungsregelungen noch heute auf die Ärztekammermethode verwiesen. Da die Berechnungen des ideellen Werts nach nach der alten, umsatzbasierten Methode und der neuen ertragsorientierten Methode zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen können, sollten diese Verträge ggfs. an die neuen Verhältnisse angepasst werden

StB/WP Thomas Karch
VPMed Steuerberatungsgesellschaft
23.06.2009


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